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Oxytocin – Das Hormon des Vertrauens

HÖHER Akademie für Pflegeberufe
Redaktion: Denis Liebscher
Illustration zum Beitrag: Oxytocin – Das Hormon des Vertrauens

Oxytocin ist ein Hormon, das im Hypothalamus gebildet und von der Hypophyse ausgeschüttet wird. Es spielt eine Rolle bei Bindung, Geburt und Stillen. In Tier- und Zellstudien wirkt es als Anti-Stress-Molekül und Entzündungshemmer (Carter et al. 2020). Ob es beim Menschen Vertrauen fördert, ist nach anfänglich spektakulären Studien heute umstritten. Ausgeschüttet wird es zum Beispiel bei Blickkontakt, angenehmer Berührung und wenn wir merken, dass uns jemand vertraut.

Neulich beim Verfassen des Blogartikels zum Thema Motivation wurde ich auf etwas aufmerksam, worauf ich heute noch einmal gesondert eingehen möchte: Es geht um den Botenstoff Oxytocin, der im Körper vermehrt produziert wird, wenn wir motiviert sind.

Lesezeit: 8 Minute / 1086 Wörter

Botenstoff Oxytocin

Als Mutter war mir bis dahin Oxytocin nur im Zusammenhang mit der Geburt und dem Stillen meines Kindes bekannt. Beim Nachforschen, was es mit Oxytocin noch so auf sich hat, findet sich jedoch eine Fülle an Informationen und demnach noch weitere Situationen, die die Produktion des Bindungshormons ankurbeln.

Wirkung dies Hormons Oxytocin

Zunächst aber lohnt es sich, zu schauen, welche Wirkung dieses Hormon, das im Hypothalamus gebildet und von der Hypophyse ausgeschüttet wird, im Körper entfaltet. Oxytocin wirkt im Gehirn und im gesamten Körper, wo es über das Blut hingelangt, und zwar als:

  • Anti-Stress-Molekül, das einen schützenden Effekt bei dem Erleben von Unglück und Trauma hat
  • Entzündungshemmer, der die körpereigene Abschwächung von Entzündungen bewirkt
  • Antioxidans, das den Körper vor freien Radikalen schützt
  • Immunmodulator, der die Ausrichtung der Immunantworten des Immunsystems verändert.

Gute Eigenschaften des Hormons anregen

Viele gute Eigenschaften also, die in diesem Botenstoff stecken. So können wir die Ausschüttung dieses Hormons anregen, indem wir uns, wie bereits im Blogartikel Motivierte Mitarbeiter in der Pflege berichtet, mit etwas beschäftigen, das uns motiviert.

Aber auch durch angenehme Berührungen, beim Stillen des Kindes, durch Blickkontakt und beim Sex wird Oxytocin produziert. Wenn Oxytocin in den Körper strömt, fühlen wir uns wohl.

Ursache und Wirkung sind dabei kaum trennbar, weil es hier auch zu einer Rückkopplung kommt, das heißt Oxytocin wird ausgeschüttet, wir fühlen uns wohl und wenn wir uns wohlfühlen wird noch mehr Oxytocin ausgeschüttet. Ein Positiv-Kreislauf.

Die Oxytocin-Welle

Die Oxytocin-Welle, wissenschaftlich gesehen, nahm ihren Anfang im Jahr 2005, wo eine Studie veröffentlicht wurde, in der Probanden Oxytocin oder ein wirkungsloses Placebo in die Nase gesprüht bekamen. In einem anschließenden Vertrauensspiel verhielten sich die Probanden mit Oxytocin vertrauensseliger als die Kontrollgruppe (Kosfeld et al. 2005). Die Studie wurde über 3.000 Mal zitiert. Spätere Versuche, das Ergebnis zu wiederholen, scheiterten jedoch: Über sieben Studien hinweg lag der Effekt bei null (Nave et al. 2015).  Der Einzelhandel muss also nicht auf ein Spray an der Eingangstür hoffen.

Weitere kleine Studien fanden, dass Probanden nach Oxytocin-Spray Gefühle leichter an der Augenpartie ablesen konnten (Domes et al. 2007, 30 Männer; eine Wiederholung 2015 fand den Effekt nicht) und dass Oxytocin die Amygdala-Aktivität bei angstauslösenden Bildern dämpft (Kirsch et al. 2005).

Oxytocin beeinflusst das Sozialverhalten

Mittlerweile lässt sich zusammenfassen, dass Oxytocin allgemein unser Sozialverhalten beeinflusst. Es kann die Partnerbindung, Monogamie sowie Empathie, emotionale Intelligenz, Vertrauen, Hilfsbereitschaft und das Fürsorgeverhalten von Eltern fördern. Aufgrund dieser vielen guten Eigenschaften wird viel geforscht, ob sich das Hormon zur therapeutischen Behandlung bei sozialen Angststörungen, Autismus oder Depressionen eignet.

Die Wirkung von Oxytocin hängt allerdings auch davon ab, in welchem Kontext wir uns befinden. Wenn wir uns in einer kooperativen und sicheren Umgebung befinden, kann das Hormon das Wohlfühlen fördern. In Situationen, in denen wir eine Bedrohung wahrnehmen, kann Oxytocin unser beschützendes Verhalten verstärken. Es wurde zum Beispiel herausgefunden, dass Mütter mit erhöhtem Oxytocin-Spiegel unter stressigen und bedrohlichen Bedingungen ein aggressives Beschützerverhalten zeigten. So kann man sagen, dass Oxytocin hilft, die Art zu erhalten.

Finger weg vom ominösen Oxytocin Produkten im Web

Wer im weltweiten Netz den Suchbegriff Oxytocin eingibt findet Angebote für „Nasenspray ohne Rezept“. Experten raten jedoch dringend davon ab, diese auf eigene Faust anzuwenden, denn Sozialverhalten lasse sich nicht einfach durch ein Spray regulieren. Oxytocin sei ein zu komplexes Hormon, zu dem es noch viel zu erforschen gebe.

Ein interessanter Zusammenhang mit dem Hormon Oxytocin

Zuletzt ein weiteres Beispiel, das einen interessanten Zusammenhang mit dem Hormon beschreibt: so hatten Probanden einen erhöhten Oxytocin-Spiegel im Blut, nachdem ihnen in einem Geldspiel Vertrauen entgegengebracht wurde (Zak, Kurzban und Matzner 2005). Hier funktioniert es also anders herum, zuerst wird das Vertrauen geschenkt und daraufhin steigt die Produktion des Hormons.

Noch einmal vereinfacht gesagt würde das bedeuten, dass wir Oxytocin ausschütten, wenn wir wahrnehmen, dass unsere Mitmenschen uns vertrauen. Was bedeutet das für den Kontext des Pflegeberufes, in dem Patienten tagtäglich ihre Gesundheit in die Hände der Pflegekräfte legen? Haben Pflegekräfte im Vergleich zu anderen Berufsgruppen einen erhöhten Oxytocin-Spiegel? Was passiert damit, wenn sie sich zur Pflegedienstleitung qualifizieren und der direkte Kontakt zum Patienten seltener wird?  Hier wechselt die Rolle der fürsorglichen Pflege hin zur verantwortlichen Führungskraft, die auch unbeliebte Entscheidungen treffen muss.

Haben Sie noch Fragen?

Vielleicht lässt sich eines Tages eine Studie mit interessanten Erkenntnissen dazu realisieren. Hierzu wäre bestimmt auch eine Podcast-Folge mit Expert:innen zu diesem Thema interessant. Welche Fragen tun sich bei Ihnen beim Lesen dieses Blogartikels auf? Teilen Sie uns diese gerne in den Kommentaren mit!

Quellen:

Universität Zürich 2005: Wenn Hormone das Vertrauen wecken (zur Studie von Kosfeld, Heinrichs, Zak, Fischbacher und Fehr in Nature), news.uzh.ch

Nave G, Camerer C, McCullough M 2015: Erhöht Oxytocin das Vertrauen? Kritische Übersicht, Perspectives on Psychological Science 10:772, researchgate.net

Domes G et al. 2007: Oxytocin und das Lesen von Gefühlen an den Augen, Biological Psychiatry 61:731; Wiederholung ohne Effekt: Radke S, de Bruijn ERA 2015, Psychoneuroendocrinology 60:75, PubMed

Kirsch P et al. 2005: Oxytocin und Amygdala-Aktivität bei Angstreizen, Journal of Neuroscience 25:11489, researchgate.net

Zak PJ, Kurzban R, Matzner WT 2005: Oxytocin und Vertrauenswürdigkeit, Hormones and Behavior 48:522, researchgate.net

Carter CS et al. 2020: Is Oxytocin Nature’s Medicine? Übersicht, Pharmacological Reviews 72:829, PubMed

Aktualisiert am 02.09.2026.