Mo–Do: 7:30–16:30 Uhr, Fr: 7:30–14 Uhr

Ätherische Öle und ihre Wirkung auf die Haut

HÖHER Akademie für Pflegeberufe
Redaktion: Denis Liebscher
Illustration zum Beitrag: Ätherische Öle und ihre Wirkung auf die Haut

Einige ätherische Öle wie Lavendel, Kamille und Pfefferminz können die Pflege trockener, juckender Altershaut sinnvoll begleiten, das zeigen erste kontrollierte Studien. Die Forschung dazu ist noch jung und die Stichproben sind klein. Ätherische Öle heilen keine Hautkrankheit, ersetzen keine ärztliche oder pflegerische Behandlung und brauchen bei verletzter, entzündeter oder infizierter Haut immer vorab eine fachliche Einschätzung.

Was ätherische Öle bei Hautproblemen leisten können

Altershaut verändert sich messbar. Sie produziert weniger Talg und Schweiß, verliert an Spannkraft und ihre Schutzbarriere wird dünner. Die Folge sind Trockenheit, Juckreiz und eine höhere Empfindlichkeit gegenüber Reizen. In der Aromapflege werden ätherische Öle seit Jahrzehnten begleitend eingesetzt, um genau diese Beschwerden zu lindern.

Wichtig ist die Erwartung. Ätherische Öle sind eine ergänzende Maßnahme zum Wohlbefinden. Sie sind kein Ersatz für eine dermatologische Behandlung, keine Wundtherapie und keine Alternative zu verordneten Medikamenten. Wo eine Hautkrankheit vorliegt, entscheidet die ärztliche oder pflegerische Fachkraft über die Behandlung, die Aromapflege kann sie begleiten, nicht ersetzen.

Wie gut ist die Studienlage wirklich?

Für einige Öle gibt es kontrollierte Studien. Für viele gibt es nur Erfahrungswissen aus der Aromapflege-Praxis. Beides ist wertvoll, aber es ist nicht dasselbe.

Eine aktuelle systematische Übersichtsarbeit hat 70 Studien der letzten zehn Jahre zu ätherischen Ölen in der Hautpflege ausgewertet (Pezantes-Orellana et al. 2025). Ihr Fazit fällt vorsichtig aus: Die Autoren fordern ausdrücklich „umfassendere Langzeitstudien, um Wirksamkeit und Sicherheit vollständig zu belegen“. Eine zweite Übersichtsarbeit zu ätherischen Ölen bei Juckreiz in der Palliativ- und Altenpflege kommt zum gleichen Schluss: vielversprechende Ansätze, aber „kleine Stichprobengrößen, Heterogenität und methodische Schwächen“ (Gonçalves 2025).

Das ist kein Grund, das Thema zu meiden. Es ist ein Grund, in drei Kategorien zu denken:

  • Belegt: mindestens eine kontrollierte Studie am Menschen mit nachvollziehbarem Ergebnis.
  • Erfahrungswissen: in der Aromapflege-Praxis etabliert, aber ohne kontrollierte Studie am Menschen.
  • Unbelegt: Behauptung ohne auffindbare Quelle. Diese Aussagen gehören nicht in eine seriöse Aromapflege.

Ätherische Öle im Überblick: Wirkung und Evidenzstärke

Öl In der Aromapflege beschrieben für Was Studien zeigen
Lavendel Beruhigend, juckreizlindernd, hautpflegend Belegt bei neuropathischem und angstbezogenem Juckreiz (Pilotstudien); Hautbarriere-Unterstützung (Gonçalves 2025; Pezantes-Orellana et al. 2025)
Kamille (blau) Beruhigt gereizte, empfindliche Haut Reduziert Rötung und Entzündung, der Wirkmechanismus über den Inhaltsstoff Bisabolol ist bisher vor allem im Labor gezeigt, nicht in klinischen Studien am Menschen (Pezantes-Orellana et al. 2025)
Pfefferminz Kühlend, juckreizstillend Belegt bei urämischem Juckreiz, also bei chronischer Nierenerkrankung (RCT, 1,5 % Menthol), ein enger, medizinisch begleiteter Anwendungsfall, nicht allgemein auf Altershaut übertragbar (Gonçalves 2025)
Teebaum Antibakteriell, hautregenerierend Belegt bei Akne (RCT); antibakterielle Wirkung im Labor nachgewiesen. Wirkung gegen multiresistente Keime beim Menschen bisher nicht in kontrollierten Studien belegt (Pezantes-Orellana et al. 2025)
Sandelholz Juckreizstillend bei trockener Haut Erfahrungswissen, in Übersichtsarbeiten genannt, keine eigene kontrollierte Studie gefunden
Palmarosa, Rose, Cistrose, Immortelle, Vetiver, Zedernholz, Benzoe Hautpflegend, hautregenerierend (traditionelle Aromapflege) Erfahrungswissen aus der Fachliteratur, keine kontrollierten Studien am Menschen gefunden

Die Tabelle zeigt eine klare Linie: Je konkreter die Anwendung (Akne, Juckreiz bei einer bestimmten Grunderkrankung), desto eher gibt es dazu eine Studie. Je allgemeiner das Versprechen („hautregenerierend“, „stärkend“), desto eher handelt es sich um Erfahrungswissen ohne Beleg, das ist kein Makel der Aromapflege, sondern der Stand der Forschung.

Trockene Altershaut: das zeigt eine Studie aus dem Pflegeheim

Am nächsten am Blogthema liegt eine randomisierte kontrollierte Studie aus einem türkischen Pflegeheim (Karadağ et al. 2021). 60 Bewohnerinnen und Bewohner wurden in drei Gruppen zu je 20 Personen eingeteilt: eine Aromatherapie-Gruppe, eine Gruppe mit reinem Olivenöl und eine unbehandelte Kontrollgruppe.

Nach zwei und vier Wochen war die Hautfeuchtigkeit an Arm, Bein, Rücken und Brust in der Aromatherapie-Gruppe messbar gestiegen. Wie deutlich der Unterschied zur Olivenöl- und zur Kontrollgruppe im Einzelnen ausfiel, lässt sich nur der Vollpublikation entnehmen.

Das ist ein ermutigendes Ergebnis für eine einfache, risikoarme Pflegemaßnahme.

Die Grenzen gehören dazu: eine einzige Einrichtung, 60 Personen. Eine Studie dieser Größe zeigt einen Trend, keinen Beweis. Für eine pflegerische Zusatzmaßnahme mit geringem Risiko ist das dennoch eine solide Grundlage, für ein Heilversprechen wäre es zu wenig.

Beispiel: eine Ölmischung aus der Aromapflege-Fachliteratur

Wie zurückhaltend professionelle Aromapflege bei alter, empfindlicher Haut dosiert, zeigt ein Blick in die Fachliteratur. Für fragile oder ältere Haut wird dort eine Verdünnung von 0,5 bis 1 Prozent beschrieben, bei robuster, intakter Haut 1 bis 2 Prozent (Gonçalves 2025). Das sind wenige Tropfen ätherisches Öl auf viel Trägeröl wie Mandel- oder Calendula-Öl.

Das ist eine Beschreibung aus der Literatur, keine Anwendungsanleitung. Die tatsächliche Mischung, Auswahl und Dosierung gehört in die Hand einer Fachkraft mit Aromapflege-Qualifikation und in Abstimmung mit der zuständigen ärztlichen oder pflegerischen Verantwortung.

Wann Vorsicht gilt: Kontraindikationen

Ätherische Öle sind hochkonzentrierte Wirkstoffgemische. Genau deshalb gelten klare Grenzen:

  • Schwangerschaft: Besonders im ersten Drittel werden durchblutungsfördernde und wehenauslösende Öle gemieden, etwa Zimt, Muskatellersalbei, Wacholder oder Fenchel (Tisserand/Young 2013).
  • Stillzeit: Ätherische Öle sollten nicht im Brustbereich angewendet werden, und stark riechende Öle werden vor dem Stillen gemieden, damit das Kind sie nicht über Haut oder Atemluft aufnimmt.
  • Säuglinge und Kleinkinder unter zwei Jahren: Menthol-, Kampfer- und Eukalyptus-haltige Öle können bei ihnen einen Kehlkopfkrampf mit Atemnot auslösen und gehören nicht in ihre Nähe.
  • Epilepsie: Kampferhaltige und stark nervenstimulierende Öle wie Fenchel, Rosmarin, Salbei und Ysop sind ein Risiko.
  • Asthma: Direktes Inhalieren starker Düfte kann einen Bronchospasmus auslösen. Nur mit besonderer Zurückhaltung und in Absprache.
  • Offene Wunden, akute Hautinfektionen, bekannte Allergien: hier braucht es vorab immer eine fachliche Einschätzung, keine Selbstanwendung (Gonçalves 2025).
  • Bergamotte: nur in furocoumarinfreier Form (FCF) verwenden, sonst drohen phototoxische Hautreaktionen im Sonnenlicht.
  • Haustiere im Haushalt oder in der Einrichtung: Viele ätherische Öle sind für Katzen giftig, Teebaumöl besonders. Wo Tiere leben, gehören Öle und Duftlampen außer Reichweite und die Räume gut gelüftet.

Diese Liste ersetzt keine Fortbildung. Wer ätherische Öle regelmäßig im Pflegealltag einsetzt, sollte die Kontraindikationen für jedes einzelne Öl kennen, nicht nur die häufigsten.

Häufige Fehler bei der Anwendung

  • Ätherisches Öl unverdünnt direkt auf die Haut auftragen.
  • Öle bei akut entzündeter, verletzter oder infizierter Haut ohne Rücksprache einsetzen.
  • Öle bei Säuglingen oder Kleinkindern verwenden, weil sie „bei der Oma auch geholfen haben“.
  • Ein Öl mit einer Laborwirkung gegen Keime wie ein Medikament behandeln und eine ärztlich verordnete Therapie eigenmächtig absetzen.
  • Bergamotteöl ohne FCF-Kennzeichnung verwenden und danach in die Sonne gehen.
  • Öle ohne Herkunfts- und Qualitätsnachweis kaufen, für die Pflege zählt nur geprüfte, deklarierte Ware.
  • Eine Wirkung als „bewiesen“ weitergeben, die tatsächlich nur Erfahrungswissen ist.

Häufige Fragen

Können ätherische Öle Ekzeme oder Neurodermitis heilen?

Nein. Studien zeigen bei einzelnen Ölen wie Kamille eine lindernde Wirkung auf Rötung und Juckreiz. Eine Heilung ist damit nicht belegt und wurde in keiner der ausgewerteten Studien behauptet.

Wirken ätherische Öle gegen MRSA?

Im Labor zeigen mehrere Öle eine antibakterielle Wirkung gegen den Keim. Kontrollierte Studien am Menschen, die eine MRSA-Behandlung mit ätherischen Ölen belegen, haben wir nicht gefunden. Die Anwendung bei besiedelten oder infizierten Wunden gehört ausschließlich in ein ärztlich-pflegerisches Hygienekonzept.

Ab welchem Alter dürfen Kinder ätherische Öle bekommen?

Unter zwei Jahren generell nicht, wegen des Risikos für die Atemwege. Auch danach gelten für Kinder deutlich niedrigere Konzentrationen als für Erwachsene.

Helfen ätherische Öle gegen Herpes?

Für reines ätherisches Öl fehlt uns eine belastbare Humanstudie. Eine kontrollierte Studie mit einer Melisseblätter-Extraktcreme, das ist kein destilliertes ätherisches Öl, sondern ein Pflanzenextrakt, zeigte einen schnelleren Rückgang der Beschwerden gegenüber Placebo (Koytchev et al. 1999). Das lässt sich nicht ohne Weiteres auf ätherisches Melissenöl übertragen.

Ist Aromapflege eine anerkannte Behandlungsmethode?

Aromapflege ist eine ergänzende, komplementäre Pflegemaßnahme. Sie steht neben der ärztlichen und pflegerischen Behandlung, nicht an ihrer Stelle.

Das Wichtigste in Kürze

  • Lavendel, Kamille und Pfefferminz haben die beste, wenn auch noch dünne Studienlage bei Juckreiz und gereizter Haut.
  • Eine Pflegeheim-Studie zeigt mehr Hautfeuchtigkeit durch Aromapflege bei trockener Altershaut, bei kleiner Stichprobe.
  • Teebaum wirkt im Labor gegen Keime, das ist keine belegte MRSA-Therapie am Menschen.
  • Schwangerschaft, Säuglingsalter, Epilepsie, Asthma und verletzte Haut sind klare Grenzen.
  • Aromapflege ergänzt die Behandlung, sie ersetzt sie nicht.

Quellen

  • Pezantes-Orellana, C. et al. (2025): Evaluating efficacy, safety, and innovation in skin care applications of essential oils: a systematic review. Frontiers in Medicine.
  • Gonçalves, S. D. (2025): Pruritus in Palliative Care: A Narrative Review of Essential Oil-Based Strategies to Alleviate Cutaneous Discomfort. Diseases, 13(8), 232.
  • Karadağ, S., Kılıç Akça, N., Çürük, G. N., Kaplan, A. (2021): The Effect of Aromatherapy on Elderly Persons With Dry Skin: A Randomized Controlled Trial. Holistic Nursing Practice, 35(1), 34-39.
  • Koytchev, R., Alken, R. G., Dundarov, S. (1999): Balm mint extract (Lo-701) for topical treatment of recurring herpes labialis. Phytomedicine, 6(4), 225-230.
  • Tisserand, R., Young, R. (2013): Essential Oil Safety: A Guide for Health Care Professionals. 2. Auflage, Churchill Livingstone.

Du willst ätherische Öle in der Pflege fachlich fundiert, sicher dosiert und rechtssicher einsetzen? Die Weiterbildung Aromatherapie in der Pflege zeigt Dir genau das, von der Auswahl der Öle bis zur Anwendung im Berufsalltag.